Der leere Stuhl

Ein Besuch im Kölner NS-Dokumentationszentrum heute hat mich tief bewegt. Nicht nur wegen der Dauerausstellung "Köln im Nationalsozialismus" und der Gefängniszellen im Kellergeschoss, in denen hunderte Wandinschriften und Zeichnungen das unfassbare Leid und den extremen Terror der inhaftierten Menschen dokumentieren.
Sondern auch wegen einer Sonderausstellung, die Jugendliche gestaltet haben. In einem Raum wurden sie selbst zu Künstler*innen , indem sie nach tagelanger Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus eigene Exponate realisierten (Toll gemacht, Respekt!). Eines der Exponate hieß "Der leere Stuhl", der symbolisch steht für Menschen, die unbeachtet bleiben, die in der Gesellschaft nicht gehört oder respektiert werden, die vergessen, ausgeschlossen und ausgegrenzt werden, die keine Stimme haben.
Besucher*innen der Ausstellungen wurden eingeladen, selbst eine Karte zu beschriften und dazuzulegen. Dreimal dürft ihr raten, welchen Zettel ich hingelegt habe ...? Richtig: Trauernde. Denn auch sie finden in der Gesellschaft viel zu wenig Beachtung, Gehör und Rücksichtsnahme. Das fängt bereits beim Arzt/Ärztin an, der/die formal eine psychische Störung wie Anpassungsstörung oder Depression bescheinigen muss, um a) abrechnen zu können und b) Zugang zur Psychotherapie zu bekommen. Natürlich, Trauer ist keine Krankheit, sondern ein natürlicher Prozess bei Verlusterfahrung, aber dennoch kann sie massive Probleme verursachen, ohne dass man gleich den "Psychisch krank"-Stempel bekommen sollte. Immerhin wird seit einigen Jahren die anhaltende Trauerstörung als eigenständige, spezifisch belastungsassoziierte Störung anerkannt, aber selbst das scheitert oft an bürokratischen Hürden.
Das System-Dilemma: Krank auf dem Papier
Dann unsere Gesellschaft: Trauernde sitzen auf dem "leeren Stuhl" der Gesellschaft, weil wir verlernt haben, Schmerz auszuhalten. Nach den ersten 2,3 Wochen nach der Beerdigung zieht die Welt weiter. Es entsteht die typische Erwartungshaltung: "Jetzt muss es doch langsam mal wieder gut sein." Man muss wieder funktionieren. Was wir aber brauchen, ist eine "Kultur des Dabeibleibens, des Aushaltens". Die Gesellschaft muss lernen, Trauernden Raum zu geben, ohne sie sofort wegzudrücken oder zu pathologisieren (also medizinisch als krank abzustempeln).
Zwei Tage Sonderurlaub – Ein bürokratischer Hohn
Im Arbeitsumfeld ist es fast noch schlimmer: 2 bis 3 Tage Sonderurlaub für den Tod eines nahen Angehörigen sind rechtlich oft das Maximum, das ist in meinen Augen absoluter Hohn. Vor allem, wenn es länger dauert, bis man an den Schreibtisch zurückkehrt, greift der Arzt oder die Ärztin zwangsläufig zum Rezeptblock, und schon hat man offiziell den Stempel "Psychisch krank", den man so schnell nicht wieder loswird. Was generell fehlt, ist eine Trauerkultur am Arbeitsplatz und flexible Arbeitszeitmodelle. Wüsstet ihr denn spontan, wie es in eurer Firma gehandhabt wird bzw. ob überhaupt …?
Wenn Familie und Freunde verstummen
Und in der Familie, im Freundeskreis? Auch hier sitzen Trauernde leider sehr oft auf dem leeren Stuhl, werden isoliert, nicht aus Bosheit, sondern aus Angst, was Falsches zu sagen, oder weil sie die Ohmacht nicht ertragen oder weil sie die trauernde Person nicht wiedererkennen. Daher verstellen sich Trauernde oft, um ihr Umfeld zu schonen und werden dadurch erst recht einsam. Was es hier braucht, ist kein perfektes Trösten, das gibt es eh nicht, aber ein Aushalten der Tränen (Aushalten trägt auch Halten in sich!) und die Botschaft "Ich bin da, auch wenn ich keine Worte habe".
Was also tun?
Wer trauert, wird unsichtbar. Das erlebe ich als Trauerbegleiter jeden Tag. Trauer braucht aber Aufmerksamkeit und Zeit, und das immer individuell. Ohne medizinisches Etikett, sondern mit menschlichem Blick, es betrifft jeden und jede von uns. Nur so sorgen wir gemeinsam dafür, dass der Stuhl neben uns nicht leer bleibt.